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Probiotika und Longevity

Gesundes Altern durch Mikroorganismen?

Unsere Darmflora rückt immer stärker in den Fokus der Altersforschung. Mit zunehmendem Alter verändert sich die Zusammensetzung der Milliarden Mikroorganismen im Darm oft deutlich, und diese Veränderungen stehen im Zusammenhang mit gesundheitlichen Problemen im Alter. Chronische Mikroentzündungen (das sogenannte Inflammaging) und ein geschwächtes Immunsystem werden mit einer aus dem Gleichgewicht geratenen Darmflora in Verbindung gebracht. Umgekehrt legen Studien nahe, dass eine gezielte Beeinflussung des Mikrobioms, etwa durch probiotische Bakterien, Altersprozesse positiv beeinflussen kann. Tatsächlich können Probiotika die Vielfalt der Darmflora erhöhen, die Darmbarriere stärken und das Immunsystem modulieren, wodurch entzündliche Vorgänge abgeschwächt werden. Somit erscheinen probiotische Mikroorganismen als vielversprechende Verbündete für ein gesundes Altern.

 

Mechanismen: Entzündungshemmung und Immunmodulation durch den Darm

Ein zentraler Mechanismus, über den Probiotika wirken, ist die Entzündungshemmung. Im Alter gerät das Immunsystem häufig in einen Dauerfeuermodus, in dem erhöhte Spiegel entzündungsfördernder Botenstoffe zirkulieren (z. B. IL-6, TNF-α). Probiotische Bakterien können hier regulierend eingreifen. In einer placebokontrollierten Studie mit älteren Erwachsenen zeigte sich, dass eine Mischung aus Lactobacillus gasseri, Bifidobacterium bifidum und B. longum die altersbedingte Immunverschlechterung abmilderte. Unter Probiotikagabe blieb der Anteil der wichtigen CD4⁺-T-Zellen im Blut stabil (während er im Placebo-Arm sank), und die Produktion des entzündungshemmenden Zytokins Interleukin-10 stieg deutlich an. Gleichzeitig verschob sich die Darmflora der Probanden in Richtung eines „jüngeren“ Profils: Nützliche Bifidobakterien und Milchsäurebakterien nahmen zu, potenziell schädliche Keime wie E. coli wurden zurückgedrängt. Die Autoren beobachteten insgesamt ein weniger entzündliches Zytokin-Profil und eine Mikrobiom-Zusammensetzung, wie man sie eher bei gesunden Jüngeren findet. Dies unterstreicht, wie eng Immunsystem, Entzündungsstatus und Darmmikrobiom im Alter verknüpft sind.


Systemische Effekte: Stressresistenz, Stoffwechsel und Lebensdauer

Probiotika wirken aber nicht nur lokal im Darm, sondern beeinflussen auch systemische Faktoren des Alterns. Viele Altersleiden werden durch oxidativen Stress und Stoffwechselstörungen begünstigt. Hier zeigen Modellorganismen eindrucksvoll das Potenzial probiotischer Helfer: In Experimenten mit dem Fadenwurm Caenorhabditis elegans – einem häufig genutzten Modell für Altern – verlängerte beispielsweise ein bestimmter Lactobacillus plantarum-Stamm (JBC5) die Lebensspanne der Würmer um fast 28 %. Gleichzeitig verbesserten sich zahlreiche Gesundheitsparameter: Die probiotisch gefütterten Würmer zeigten eine erhöhte Stressresistenz, eine bessere Abwehr gegen Krankheitskeime, eine intaktere Darmbarriere sowie eine gesteigerte Lern- und Gedächtnisleistung, während Körperfett und entzündliche Marker zurückgingen. Ein ähnliches Bild ergibt sich in Studien mit Mäusen: Der nützliche Darmbewohner Akkermansia muciniphila, der die Darmschleimhaut schützt, konnte in einem Mausmodell die Lebensspanne verlängern und die Darmbarriere stärken. Interessanterweise findet man Akkermansia sowie andere entzündungshemmende und schleimhautschützende Bakterien auch bei bemerkenswert vitalen Hundertjährigen gehäuft. So wiesen chinesische Hundertjährige in einer aktuellen Untersuchung ein Mikrobiom mit überdurchschnittlicher Vielfalt auf, reich an Akkermansia, Lactobacillus, Christensenellaceae und kurzkettige Fettsäuren produzierenden Bakterien. Diese spezielle „Longevity-Signatur“ der Darmflora wird mit einer robusteren Immunabwehr und einem höheren antioxidativen Potenzial in Verbindung gebracht. Insgesamt deutet all dies darauf hin, dass Probiotika über verschiedene Wege – von der Dämpfung chronischer Entzündung über die Stärkung der Darmbarriere bis zur Förderung nützlicher Metabolite – die biologischen Grundlagen des Alterns positiv beeinflussen können.


Mikrobiom-Diagnostik und individualisierte Probiotika: Auf dem Weg zur personalisierten Longevity-Therapie

Angesichts der vielfältigen Zusammenhänge zwischen Darmmikrobiom und Altern stellt sich die Frage, wie man dieses Wissen klinisch nutzen kann. Könnte ein individuell analysiertes Mikrobiomprofil dazu dienen, maßgeschneiderte probiotische Interventionen für ein gesundes Altern zu entwickeln? Die Vision: Mittels moderner Mikrobiom-Diagnostik (z. B. genomische Sequenzierung von Stuhlproben) ließen sich förderliche oder schädliche Bakterienmuster beim Einzelnen erkennen. Darauf aufbauend könnte man gezielt jene probiotischen Stämme zuführen, die fehlende Funktionen ersetzen oder ein aus der Balance geratenes System rekalibrieren. Dieses Konzept steckt zwar noch in den Anfängen der Forschung, doch erste Arbeiten liefern vielversprechende Hinweise.

So identifizierte 2024 eine Metagenom-Studie mit 297 älteren Erwachsenen charakteristische Lactobacillus- und Bifidobacterium-Signaturen im Darm, die mit verschiedenen Gesundheitsfaktoren – unter anderem kognitiver Leistungsfähigkeit – zusammenhingen. Die Autoren folgern:
 

„These insights suggest that tailored probiotic supplements, designed to match individual probiotic profile, could offer an innovative method for addressing age-related diseases and functional declines.“

Mit anderen Worten: Individuell angepasste Probiotika, abgestimmt auf das persönliche Mikrobiom, könnten ein neuartiger Weg sein, altersassoziierte Beschwerden und Funktionsverluste anzugehen. Auch Experten aus großen Übersichtsarbeiten betonen, dass die „Wiederherstellung mikrobiomabhängiger Signale ungesunden Alterns“ durch personalisierte Interventionen ein neues und vielversprechendes Forschungsfeld darstellt. Künftig werde man kombinierte Ansätze benötigen – von diätetischen Maßnahmen bis zur gezielten Wiederansiedlung verlorener guter Darmbakterien –, um die Mikrobenwelt älterer Menschen wieder in ein jugendlicheres Gleichgewicht zu bringen. In diesem Zusammenhang wurde sogar der Begriff „Gerobiotika“ geprägt, um jene probiotischen Bakterienstämme zu definieren, die gezielt fundamentale Altersmechanismen abschwächen und so die Gesundheitsspanne verlängern sollen.


vermicon ermöglicht eine neue Generation von Mikrobiomanalysen

vermicon unterstützt diese Forschungen durch die Anwendungen der VIT®-Gensondentechnologie, die es ermöglicht, die Bakterien im Mikrobiom nicht nur spezifisch zu identifizieren und zu quantifizieren, sondern auch räumlich zu analysieren. Überdies wendet vermicon modernste Sequenziertechnologien an, um ein umfassendes Profil zu erstellen. Durch die Kombination von Sequenziermethoden und VIT® Gensondentechnologie können auf diese Weise umfassende Kartierung von Mikrobiomproben angefertigt werden.


Quo vadis Longevity?

Noch sind viele Fragen offen. Welche Probiotika eignen sich am besten für welche Person? Lassen sich durch eine Mikrobiom-gestützte Therapie tatsächlich Krankheiten des Alters verzögern oder vermeiden? Wissenschaftler betonen, dass es weiterer Forschung, insbesondere langfristiger humaner Studien, bedarf, um den Nutzen personalisierter Probiotika im Longevity-Kontext eindeutig zu beweisen. Doch die bisherigen Ergebnisse stimmen optimistisch: Offensichtlich spielen unsere mikrobiellen Mitbewohner eine bedeutende Rolle im Komplex des Alterns. Gelingt es, diese probiotischen Helfer gezielt zu unserem Vorteil zu nutzen, könnte dies ein Schlüssel sein, um nicht nur länger, sondern vor allem gesünder zu leben.

 

Quellenverzeichnis:

Caldarelli M, Rio P, Marrone A et al. Inflammaging: The Next Challenge—Exploring the Role of Gut Microbiota, Environmental Factors, and Sex Differences. Biomedicines. 2024;12(8):1716. doi:10.3390/biomedicines12081716  

Chuang Y-F, Fan K-C, Su Y-Y et al. Precision probiotics supplement strategy in aging population based on gut microbiome composition. Brief Bioinform. 2024;25(4):bbae351. doi:10.1093/bib/bbae351  

Kadyan S, Park G, Singh TP et al. Microbiome-based therapeutics towards healthier aging and longevity. Genome Medicine. 2025;17:75. doi:10.1186/s13073-025-01493-x  

Kumar A, Joishy T, Das S et al. A Potential Probiotic Lactobacillus plantarum JBC5 Improves Longevity and Healthy Aging by Modulating Antioxidative, Innate Immunity and Serotonin-Signaling Pathways in Caenorhabditis elegans. Antioxidants (Basel). 2022;11(2):268. doi:10.3390/antiox11020268  

Shin J, Noh J-R, Choe D et al. Ageing and rejuvenation models reveal changes in key microbial communities associated with healthy ageing. Microbiome. 2021;9:240. doi:10.1186/s40168-021-01189-5  

Spaiser SJ, Culpepper T, Nieves C Jr et al. Lactobacillus gasseri KS-13, Bifidobacterium bifidum G9-1, and Bifidobacterium longum MM-2 ingestion induces a less inflammatory cytokine profile and a potentially beneficial shift in gut microbiota in older adults: a randomized, double-blind, placebo-controlled, crossover study. J Am Coll Nutr. 2015;34(6):459-469. doi:10.1080/07315724.2014.983249  

Tsai Y-C, Cheng L-H, Liu Y-W et al. Gerobiotics: probiotics targeting fundamental aging processes. Biosci Microbiota Food Health. 2021;40(1):1-11. doi:10.12938/bmfh.2020-026  

Wu L, Xie X, Li Y et al. Gut microbiota as an antioxidant system in centenarians associated with high antioxidant activities of gut-resident Lactobacillus. NPJ Biofilms & Microbiomes. 2022;8:102. doi:10.1038/s41522-022-00366-0  

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